Shoppen mit Eigenbeteiligung (September 2026)
Wenn der Kunde sich selbst bedienen darf - oder muss
Domino Konkret Newsletter vom September 2026
Wer mit offenen Augen durch unsere Innenstädte bummelt, kann sie kaum übersehen: professionell gestaltete Schilder, manchmal aber auch eher lieblose Zettel in den Schaufenstern. Verkäuferinnen und Verkäufer, Kundenberater oder Produktexperten werden für gefühlt jeden zweiten Laden händeringend gesucht.
An anderer Stelle scheint man bereits einen Schritt weiter zu sein: Statt ständig nach Personal zu suchen, lässt man kurzerhand die Kunden mitarbeiten.
In vielen Filialen der Systemgastronomie wird der Gast ungefragt zur Bedienung und darf seinen Menüwunsch höchstpersönlich per Tastatur in Richtung Küche schicken. Dass bis zur erfolgreichen Burger-Bestellung bisweilen schon ein Computergrundkurs erforderlich ist - geschenkt.
Etwas weniger anspruchsvoll ist die Selbstbedienungskasse im Supermarkt, an der zunehmend ebenfalls kein Personal mehr sitzt. Was im Lebensmittelhandel bereits wie eine unumkehrbare Entwicklung wirkt, könnte nun auch im eher beratungsintensiven Einzelhandel flächendeckend Einzug halten.
Erste Textilunternehmen aus Fernost machen es mithilfe moderner RFID-Technik möglich: Sämtliche Kleidungsstücke landen vor dem Verlassen des Geschäftes gemeinsam in einem Behälter - und die vollautomatische Kasse weiß sofort, was dafür zu bezahlen ist.
Was kommt als Nächstes auf dem Weg zum technisch perfekten Einzelhandel - mit möglichst wenigen lebendigen Menschen? Dank KI scheint inzwischen fast alles möglich.
Doch sind Technik-Innovationen wirklich die Treiber dieser Entwicklung - oder aber eher die Sachzwänge des demografischen Wandels? Der allein erklärt jedoch nicht, warum so viele Stellen unbesetzt bleiben. Ist es womöglich auch die geringe Wertschätzung für die oft anstrengenden Berufe im Einzelhandel und in der Gastronomie?
Ganz ohne Nebenwirkungen bleibt dieser Wandel allerdings nicht: Wenn technologischer Fortschritt zur Entmenschlichung des eigentlichen Kaufprozesses führt, dann werden persönliche Begegnungen in den Innenstädten seltener, dann geht damit ein Stück Einkaufserlebnis- und Aufenthaltsqualität verloren.
Fast alles lässt sich heutzutage bequem vom Sofa aus bestellen und bis an die Haustür liefern. Für den reinen Kauf eines Produktes muss heute niemand mehr in die City fahren. Wenn nun auch Einkäufe vor Ort in bester 1A-Lage auf eine möglichst kontaktfrei-anonyme Warenabwicklung reduziert werden, stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum sollte der Kunde überhaupt noch in die City kommen?
Bei Tempo, Verfügbarkeit und Bequemlichkeit wird der stationäre Handel den Onlinehandel kaum schlagen. Seine eigentliche Stärke liegt woanders: in persönlicher Beratung, der Schaffung einer besonderen Atmosphäre und der Möglichkeit, Produkte unmittelbar sehen, anfassen, ausprobieren und nicht zuletzt auch darüber sprechen zu können - sei es mit der eigenen Freundin zur Seite oder einer Fachberatung gegenüber.
Wer diese Qualitäten aus Kostengründen wegrationalisiert, hinterlässt am Ende womöglich nur einen begehbaren Onlineshop - allerdings mit Anreiseaufwand, Parkplatzsuche und begrenzten Öffnungszeiten.
Selbst beratungsintensive Handelskonzepte könnten so eine gewisse „Kioskisierung“ erleben: technisch effizient, weitgehend kontaktfrei und personell auf das Nötigste reduziert. Betriebswirtschaftlich mag das kurzfristig sinnvoll erscheinen. Ob dabei aber ein Ort entsteht, den Kunden auch mittel- bis langfristig gerne besuchen, darf jedoch bezweifelt werden.
Handel wird von Menschen für Menschen gemacht. Technik kann dabei helfen. Sie kann Abläufe vereinfachen, Wartezeiten verkürzen und das Personal von Routinetätigkeiten entlasten, sodass mehr Individual-Zeit für den Kunden bleibt. Sie sollte den persönlichen Kontakt unterstützen - aber nicht ersetzen.
Digitalisierung und Automatisierung werden im Einzelhandel weiter zunehmen. Das ist an vielen Stellen notwendig und sinnvoll. Wer den Faktor Mensch jedoch vollständig aus dem Laden entfernt, spart möglicherweise genau an dem, was Kunden überhaupt noch an einem Innenstadtbesuch besonders schätzen.
Der Schlüssel zur positiven Innenstadtentwicklung liegt also in einer richtigen Mischung: effiziente Technik, ein eigenständiges Ladenbild, eine angenehme Atmosphäre - und Menschen, die aus dem Kaufprozess mehr machen als nur einen seelenlosen Vorgang des Waren- und Geldaustausches.
Langfristig betrachtet wird vermutlich nicht das personalärmste, sondern das emotions- und erlebnisreichste Shoppingkonzept besonders erfolgversprechend sein.
DOMINO begleitet Eigentümer und Filialunternehmen bei der Suche nach tragfähigen Standorten und der Umsetzung zukunftsfähiger Nutzungskonzepte.
Sprechen Sie uns gerne an.
Selbstbedienungskassen mit RFID-Technologie bei Uniqlo in Berlin
Lohnkosten im Einzelhandel steigen weiter
In mehreren Bundesländern sind zuletzt neue Tarifabschlüsse für den Einzelhandel vereinbart worden. In Hessen und Bayern steigen die Löhne und Gehälter jeweils in zwei Schritten um insgesamt fünf Prozent. Auch aus Baden-Württemberg wurde ein Abschluss in dieser Größenordnung gemeldet.
In Hessen erfolgt die Erhöhung rückwirkend zum 1. Juli zunächst um drei Prozent und ab April 2027 um weitere zwei Prozent, wie die hessenschau berichtete. Der tarifliche Mindestlohn steigt dort zunächst auf 14,20 Euro und anschließend auf 14,90 Euro pro Stunde. In Bayern ist ebenfalls eine Erhöhung um zunächst drei und später weitere zwei Prozent vorgesehen.
Trendprognosen: Welche Kategorien könnten profitieren?
Eine KI-gestützte Analyse des Unternehmens Hase & Igel prognostiziert für das Jahresendgeschäft 2026 sehr unterschiedliche Entwicklungen innerhalb des Einzelhandels, wie die WirtschaftsWoche berichtet.
Besonders positiv fällt die Prognose für Damen- und Herrenmode sowie Körperpflegeprodukte aus. Gerade für die in den vergangenen Jahren stark unter Druck geratene Modebranche erwartet das Modell im vierten Quartal eine deutliche Trendwende. Auch Beauty- und Pflegeprodukte sollen weiter an Nachfrage gewinnen.
Weniger erfreulich sehen die Aussichten dagegen für Outdoor-Produkte und Möbel aus. Bei Outdoor-Artikeln registrieren die Analysten bereits seit Ende 2023 sinkendes Interesse und erwarten eine Fortsetzung dieses Trends bis ins Jahr 2027. Auch für Möbel wird in den kommenden Monaten ein weiterer Nachfragerückgang prognostiziert.
Grundlage der Analyse sind unter anderem Google-Suchdaten, aus denen anhand historischer Zusammenhänge Rückschlüsse auf die spätere Konsumnachfrage gezogen werden.
Innenstadtansicht
Treffpunkt: Persönliche Kundenbedienung in Halle © Archiv DOMINO
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